KLIMAGERECHTIGKEIT

Was hat der Klimawandel eigentlich mit (Un)Gerechtigkeit zu tun?


Folgen des Klimawandels

Nur 0,0413 % beträgt der aktuelle Anteil von Kohlenstoffdioxid in der Luft – warum also der ganze Aufriss? Treibhausgase in der Atmosphäre verhindern, dass Sonnenenergie wieder in den Weltraum abgestrahlt werden kann. Bereits geringe Konzentrationsänderungen an Treibhausgasen können drastische Auswirkungen auf Klima und Ökosysteme haben. Besonders westliche Industrienationen haben seit der industriellen Revolution den CO2-Gehalt in der Atmosphäre um fast 50% erhöht und damit zu einer durchschnittlichen globalen Temperaturerhöhung von bereits 1°C beigetragen. Ein Großteil der Energie und des CO2 in der Atmosphäre wird von Ozeanen aufgenommen. Dies führt zu deren Versauerung – CO2 und Wasser bilden Kohlensäure – und Erwärmung. Betroffen sind dadurch beispielsweise artenreiche Korallenriffe, die bei einer Lufttemperaturerhöhung um 2°C zum großen Teil aussterben werden. Zusätzlich dehnt sich Wasser bei Erwärmung aus, was gemeinsam mit dem zusätzlichen Eintrag durch abschmelzende Gletscher zu einem gravierenden Anstieg des Meeresspiegels führt. Je stärker sich die Temperatur erhöht, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass sogenannte Kipppunkte erreicht werden – irreversible Ereignisse, deren Folgen für das Klima unvorhersehbar sind, wie beispielsweise das Auftauen methanreicher (Methan ist ein starkes Treibhausgas) Permafrostböden. Bei fortschreitender Erwärmung wird auch die Bedeutung von Extremwetterereignissen immer größer. Hitzeperioden oder Starkregen machen Mensch und Natur zu schaffen – seit den 1960ern hat sich die Anzahl der Opfer von Naturkatastrophen nahezu verzehnfacht während es außerdem zu gravierenden Ernteausfällen kommt.


Klimagerechtigkeit

Der Klimawandel hat nicht nur ökologische Auswirkungen, sondern damit zusammenhängend auch tiefgreifende soziale, gesundheitlich und ökonomische Folgen. Dabei sind nicht alle Menschen, Regionen und Systeme sind gleich anfällig. 9 von 10 der am meisten betroffenen Länder, sind Länder des Globalen Südens. Schwache Infrastruktur, Abhängigkeit von Landwirtschaft und Fischerei, Ressourcenknappheit sowie klimatische Gefährdungszonen machen diese Länder wesentlich anfälliger für Extremwetterereignisse, Dürren, Wasserknappheit oder Meeresspiegelanstieg. Daneben bestimmen auch Geschlecht, Alter, Herkunft, Klasse oder politisches Mitspracherecht darüber, wie stark Menschen betroffen sind. Während der Globale Norden seit Jahrzehnten maßgeblich davon profitiert, die weltweite Erwärmung durch die Verbrennung fossiler Energieträger zu befeuern, ist gerade hier die Betroffenheit am geringsten. Dagegen leiden gerade die Menschen besonders unter den Folgen, die kaum etwas zu deren entstehen beigetragen haben. Diese Ungerechtigkeit kann und muss gestoppt werden. Das ethisch-politisches Konzept Klimagerechtigkeit thematisiert eben diese Ungerechtigkeit und fordert, dass die Länder mit dem größten historischen CO2 Ausstoß auch verpflichtet sind, ihre Emissionen radikal zu verringern sowie für die Auswirkungen des Klimawandels Rechnung zu tragen. Der Globale Norden hat eine Wirtschaftsweise etabliert, deren Basis die Ausbeutung von Mensch und Natur ist, ohne selbst den Preis dafür zahlen zu müssen. Es ist an der Zeit, das Verantwortung übernommen wird. Verantwortung von Menschen für Menschen. Verantwortung für einen Planeten, deren Natur die Lebensgrundlage aller Lebewesen ist. Der Klimawandel kennt keine Ländergrenzen, und soziale Gerechtigkeit sollte dies auch nicht tun.


Das System als Ursache von Klimakrise und Ungerechtigkeit

Die letzten Jahrzehnte neoliberaler Politik haben gezeigt, dass unser globales Wirtschaftssystem als wesentlicher Faktor die globale Erwärmung und die damit verbundenen sozialen Probleme verschärft. Die kapitalistische Produktionsweise basiert auf einer Wachstumslogik sowie hartem Wettbewerb und betrachtet die Natur sowie Menschen dabei nur als kurzfristige Profitquelle. Dieses System führt nicht nur zur Anhäufung von Wohlstand und Macht zugunsten einer kleinen, reichen Oberschicht und lässt dabei einen immer größer werdenden Teil der Gesamtgesellschaft zurück, sondern beutet auch massiv natürliche Ressourcen aus, ohne für deren nachhaltige Regeneration und Nutzbarkeit für kommende Generationen zu sorgen. Um in der freien Finanzmarktwirtschaft zu überleben sind Akteure gezwungen, dem Wachstumsparadigma zu folgen – auf Kosten derer, die die Folgen des Klimawandels schon jetzt am stärksten zu spüren bekommen.
Doch immer mehr Menschen setzen sich für Klimagerechtigkeit ein und fordern einen radikales Neudenken unserer Wirtschaftsweise und unseres Umgangs mit einem endlichen Planeten!


Kritik an der aktuellen Klimapolitik

„Klimakatastrophe“ war bereits 2007 das „Wort des Jahres“. Bekannt ist das Problem schon lange, passiert ist seitdem wenig. Die nationalen Beiträge zum Pariser Klimaschutzabkommen, in dem eine Begrenzung der Erderwärmung auf „deutlich unter 2°C“ beschlossen wurde, sind erst von 57 Ländern gesetzlich verankert worden. Deutschland ist übrigens keines davon. Der wenig ambitionierte Beitrag Deutschlands wird seinen ersten Meilenstein 2020 deutlich verfehlen. Der Fokus von Klimaschutz-maßnahmen liegt dabei häufig auf sogenanntem grünem Wirtschaftswachstum. Durch Effizienzsteigerung sollen vorhandene Ressourcen ertragreicher genutzt werden. Klar ist jedoch, dass eine Effizienzsteigerung alleine nicht ausreichen kann. Auch eine Änderung aktueller Konsum- und Wachstumsmuster, hin zur Suffizienz, ist gleichermaßen wichtig für eine nachhaltige Wirtschaft. Unklar ist auf globaler Ebene auch, wie mit der klimawandelbedingten Ungerechtigkeit umgegangen werden soll. Wie entschädigt man Küstenstaaten für ihren Gebietsverlust durch Meeresspiegelanstieg? Was geschieht mit Migrant*innen, die ihren Wohnort verlieren und wie bewertet man die historische Verantwortung der Industrienationen? Die Regierungen scheinen diese Fragen aussitzen zu wollen, denn trotz umweltpolitischer Lippenbekenntnisse haben die Treibhausgasemissionen ihren Höchststand nicht erreicht und wir bewegen uns aktuell nicht auf 2°C, sondern auf bis zu 6°C Erwärmung bis 2100 zu.


Klimagerechtigkeitsbewegungen

Die globale Klimagerechtigkeitsbewegung wächst gerade massiv und übt Druck auf Regierungen weltweit aus. Das prominenteste Beispiel ist wohl die Bewegung „Fridays for Future“ oder „School Strike for Climate“. Nur 5 Monate nach ihrer Initiierung wurde im März bereits der erste global koordinierte Klimastreik organisiert, bei dem etwa 1,5 Millionen Menschen in über 2000 Städten weltweit protestiert haben! Andere erfolgreiche und wachsende internationale Bewegung sind z.B. „350.org“ und „Extinction Rebellion“. Aber auch in Deutschland und seinen Nachbarländern hat die Bewegung, vor allem im letzten Jahr, angefacht durch die Debatte um den Hambacher Wald, an Fahrt aufgenommen, beispielsweise haben letzten Oktober mehr als 5000 Menschen das Aktionsbündnis „Ende Gelände“ bei einer Aktion zivilen Ungehorsams unterstützt, um für einen sofortigen Kohleausstieg zu protestieren. Und die Politik reagiert bereits, sie kann uns nicht mehr ignorieren. Klimaschutz rückt auf der Diskussionsagenda immer weiter nach oben, führt bislang jedoch noch nicht zu ausreichenden Maßnahmen.


Vision

Eine Gesellschaft, die nachhaltig mit den Ressourcen dieses Planeten umgeht und Wohlstand fair auf alle Menschen verteilt, ist möglich. Im Kleinen haben viele ökologische und soziale Bewegungen gezeigt, dass ein nachhaltiges Wirtschaften und ein soziales Miteinander möglich sind. Dafür ist es notwendig, den Wachstumszwang zu überwinden, und für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der sich die Menschheit als zusammenhängendes Kollektiv begreift und Solidarität nicht an Staatsgrenzen endet. Das Wissen für eine Neuorganisierung ist vorhanden: Postwachstum, Erneuerbare Energien, lokale und ökologische Landwirtschaft, öffentlicher Verkehr, Graswurzelinitiativen, Selbstorganisation, Rekommunalisierung, Umverteilung und vieles mehr – es kommt jetzt auf die politische Umsetzung an! Lasst uns gemeinsam eine klimagerechte Welt schaffen, in der Nationalismus, Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Klasse oder sexuelle Neigung keine Rolle mehr spielen und in der sich Menschen als untrennbarer Teil der Natur begreifen. Dafür ist es notwendig, bisherige Strukturen radikal zu überdenken, und die Souveränität uneingeschränkt in die Hände aller Menschen zu geben, sodass wir zusammen eine Weltgemeinschaft bilden können, die ein gutes Leben für alle ermöglicht – Klimagerechtigkeit jetzt!


Wir fordern eine solidarische Weltgemeinschaft und Klimagerechtigkeit jetzt!